Auf Tour

Schubladen

Foto: Benjamin Krieg
Foto: Benjamin Krieg
Foto: Benjamin Krieg
Foto: Benjamin Krieg
Foto: Benjamin Krieg
Foto: Benjamin Krieg
Foto: Benjamin Krieg
Foto: Benjamin Krieg
Foto: Benjamin Krieg
Foto: Benjamin Krieg

In dem Projekt Schubladen begegnen Mitglieder von She She Pop (alle im Westen aufgewachsen) einigen ost-sozialisierten Gegenspielerinnen auf der Bühne, um füreinander ihre Schubladen zu öffnen.

20 Jahre nach der Wende nehmen sie sich vor, sich neu anzunähern. Dazu greifen die Performerinnen auf autobiografisches Material aus ihren Schubladen zurück. Briefe, Tagebuch-Auszüge und andere Text-Dokumente werden grob chronologisch sortiert, ebenso wie das innere Bilderarchiv einer jeden und Musik. Die Erzählungen, aus denen unsere Leben bestehen, werden von den Performerinnen zu Themenfeldern kombiniert und verlesen, der Soundtrack dazu abgespielt. Fragen des Gegenübers müssen nach bestem Wissen beanwortet werden, ohne Rückgriff auf objektive, verlässliche Quellen. Eine vielstimmige und zutiefst subjektive Chronik der ost-westdeutschen Geschichte wird live erzählt, mit privaten oder öffentlich zugänglichen Textquellen belegt, aus der Erinnerung referiert, entlang oder entgegen der großen Weltanschauungen.

Als Paare sitzen sich die 6 Performerinnen an Tischen gegenüber in einem Raum, der sowohl Archiv wie auch Freizeitheim ist. Und ähnlich wie im Gemeinschaftsraum eines Erholungsheims müssen sich diese Paare miteinander bekannt machen. Sie werden versuchen, einander besser zu verstehen und sich dabei gegenseitig herausfordern mit dem Ziel, letztlich und endlich eine richtige Beziehung einzugehen.

„Wiedervereinigung“ wird in Schubladen als Beziehungsarbeit gedacht. Sie wird hier nachträglich und live für 3 Ost-West-Paare zur konkreten Aufgabe auf der Bühne. Wer bist du? Wie bist Du die Frau geworden, als die du mir heute gegenübersitzt? Und wie in jeder schlechten oder guten Beziehung spielen Missverständnisse und Projektionen eine entscheidende Rolle. Die Performerinnen werden versuchen, ehrlich das Maß an Nähe aufzuzeigen, das zwischen ihnen möglich ist. Die Bühne wird zum Ort für einen utopischen Dialog.

She She Pop und ihre Ost-Kolleginnen bekennen sich zur Vielstimmigkeit, zur kollektiven Erzählung. Die Lücken, Ungenauigkeiten und fehlenden Verbindungen gehören mit zum System. Wer waren wir? Wer sind wir? Warum sind wir so geworden?

Credits

Konzept: She She Pop.
Von und mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Barbara Gronau, Annett Gröschner, Fanni Halmburger, Alexandra Lachmann, Katharina Lorenz, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Peggy Mädler, Ilia Papatheodorou, Wenke Seemann, Berit Stumpf und Nina Tecklenburg.
Koordination / Dramaturgische Mitarbeit: Kaja Jakstat.
Bühne: Sandra Fox.
Kostüm: Lea Søvsø.
Lichtdesign: Sven Nichterlein.
Ton: Florian Fischer.
Produktion/ PR: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro.
Administration: Elke Weber.
Grafik: Tobias Trost.
Hospitanz: Eilika Leibold, Anja Predeick.
Dank an Anja Dürrschmidt und Marion Müller-Roth.

Eine Koproduktion von She She Pop mit dem Hebbel am Ufer Berlin, Kampnagel Hamburg, FFT Düsseldorf und brut Wien.

Gefördert durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten, die Behörde für Kultur, Sport und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, den Fonds Darstellende Künste und die Rudolf Augstein Stiftung.

Premiere, März 2012, HAU, Berlin

Weitere Termine:
  • März 2012, Kampnagel, Hamburg
  • Juli 2012, Santarcangelo , Festival , Santarcangelo, Italien
  • November 2012, FFT, Düsseldorf
  • November 2012, HAU, Berlin
  • Januar 2013, HAU, Berlin
  • Februar 2013, brut, Wien, Österreich
  • März 2013, Hellerau, Hellerau, Dresden
  • April 2013, Basel, Schweiz
  • Mai 2013, Kunstenfestivaldesarts, Brüssel, Belgien

Trailer

Schubladen from She She Pop on Vimeo.

Pressestimmen

Kritiken zur Auslandspremiere in Italien, Juli 2012

Wenn jeder Sommer seine Theater-Offenbahrung bereit hält, dann ist es im Sommer 2012 wohl Schubladen, der einzigartige Entwurf einer nicht weniger einzigartigen Kompagnie, dem Berliner Kollektiv She She Pop: ... ein lebendiges Familienalbum, das zum artikulierten kollektiven Selbstportrait wird. In diesem Stöbern in Erinnerungen liegt viel Frische, Ironie und eine Klarheit, die gleichsam anthropologisch ist.
Renato Palazzi, Il Sole 24 Ore, 26.07.2012

She She Pop überraschen das Publikum mit der Natürlichkeit ihrer Präsenz auf der Bühne, mit der seltenen Maßgabe einer Interpretation, die ein politisches Theater zeigt und praktiziert. Eine schöne Entdeckung.
Maria Grazia Gregori, L’Unità, 24.07.2012

Zurück zum Tagewerk mit She She Pop, einem weiblichen Berliner Kollektiv, das mit viel Aufsehen angekündigt wurde. In Schubladen wird der wichtigste Sachverhalt der europäischen Geschichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die deutsche Wiedervereinigung, zum Terrain, in welchem sich die eigene Identität spiegelt. Alles lebt wieder auf in der Erinnerung unbedeutender Ereignisse im Leben der sechs Darstellerinnen (Liebesbeziehungen, Eltern, Freunde, Schule...). An drei Tischen sitzen sie auf Bürostühlen, als Requisite dienen ihnen Bücher, Schallplatten, Tagebücher, etc., immer wieder befragen sie sich gegenseitig, kommentieren, erinnern, lassen ihr eigenes Gewissen sprechen (...), sowohl diejenigen aus dem sozialistischen Osten, wie die aus dem kapitalistischen Westen - auf gänzlich unversöhnliche Weise. Daraus entsteht eine innere Gleichzeitigkeit, die in Zeiten des dramaturgischen Experimentierens das Interessanteste ist.
Anna Bandettini, La Repubblica, 22.07.2012

Kritiken zur Premiere, März 2012

Den Performerinnen gelingt es, die persönliche Frage nach der eigenen Biografie zu verzahnen mit der allgemeinen Frage nach dem Verhältnis von West- und Ostdeutschen. Den eigenen Puls zu fühlen heißt hier nicht, den Rest der Welt zu vergessen. Das muss man erst mal hinkriegen. She She Pop ist es auf eine ebenso amüsante wie schlaue Art und Weise gelungen.
taz Hamburg, 24./25. März 2012, Klaus Irler

Eisprinzessin Katis olympische Kür
"Schubladen" ist kein simples Ost-West-Aufarbeitungsprojekt, sondern eine assoziative Recherche über die Bedingungsgefüge, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind. Ein vergnüglicher Abend mit Langzeit- und Tiefenwirkung.
Tom Mustoph, taz Berlin - die tageszeitung,
10.03.2012

Zonenübergreifende Frauenbilder?
Bei Katharina Witt herrschte offenbar eine Art zonenübergreifender Konsens. Jedenfalls sind, als die Rede auf die einstige DDR-Olypmiasiegerin im Eiskunstlauf kommt, die kleinen soziokulturellen Differenzen zwischen den Ost- und den Westfrauen auf der Bühne wie ausgeräumt, die bisher den Abend bestimmten. Und die langbeinige Westfrau Nina Tecklenburg fängt auf ihrem Bürostuhl an, mit großer Geste Witts Carmen-Choreografie aus ihrem Körpergedächtnis zu schleudern. Im Sitzen. Der Rittberger geht auch ganz locker als Bürostuhlpirouette von der Hand. Bald kommt die Ostfrau Wenke Seemann dazu, in deren Körper die einschlägigen choreografischen Volten ebenso spontan abrufbar sind. Und so wirbeln beide auf ihren Bürostühlen ziemlich synchron über die Bühne. Gelegentlich werden sie von den vier anderen Mitspielerinnen genervt in den Hintergrund geschoben. Selten für lange. Denn gegen soviel Begeisterungsfähigkeit ist kein Kraut gewachsen. Auch nicht im jubelnden Publikum. ?..Der Abend besticht durch ein gut durchrhytmisiertes Timing, durchdachte Zeichensysteme in der Kleidung der sechs Ladies. Auf den Wellen hübscher Geschichten, süffiger Musiken und Schaumkronen sehr kalkulierter Pointen gleitet man gut durch den Abend.
Esther Slevogt, Nachtkritik.de, 8.03.2012

Chronik ost-westdeutscher Geschichten
In "Schubladen" befragen sich drei Frauenpaare aus Ost und West nach ihren Erfahrungen in Kindheit und Jugend. Ein Stück, das reichlich Platz für Vorurteile über zupackende, trinkfeste, sexaktive Ostfrauen und Konsummiezen aus dem Westen bieten könnte. Am Berliner Hebbel am Ufer hat das Autorenkollektiv She She Pop etwas anderes daraus gemacht. Hier ist nicht zusammengewachsen, was doch irgendwie zusammengehört: She She Pop belässt es nicht bei der üblichen deutsch-deutschen Plauderei über Unterschiede und Gemeinsamkeiten, sondern forscht in der Sprache selbst nach den grundlegenden ideologischen und lebenspraktischen Divergenzen. ...Mit der Musik kommt an diesem mit viel nostalgischem Schmunzeln und befreiendem Lachen aufgenommenen Schubladen-Abend im Publikum richtig Stimmung auf.
Eberhard Spreng, Deutschlandradio Kultur, 10.03.2012

She She Pop wühlen im Berliner HAU in autobiografischen "Schubladen"
Anett Gröschner, eine erfreulich sarkastische Schriftstellerin ... steht auf der Bühne des Berlin HAU-Theaters und erzählt trocken, manchmal leicht verwundert über die seltsamen Zufälle und Zumutungen, die das Leben in Deutschland so für sie bereithielt - lauter kleine, funkelnde Momentauffnahmen. Sie ist mit Alexandra Lachmann, Wenke Seemann, Ilia Paptheororou, Johnanna Freiburg und Nina Tecklenburg eine von sechs Protagonistinnen in "Schubladen", dem neuen Stück des Perfomance-Kollektivs She She Pop.
An drei Tischen sitzen sich je eine Frau mit ost- und westdeutscher Herkunft gegenüber, befragen sich zu ihren Erinnerungen und wühlen in ihren Biografie-Schubladen um immer mal weider festzustellen, wie anders oder ähnlich sich Kindheit, werste Verliebtheiten, Selbstdefinition, Musikgeschmack, sexuelle Orientierung oder das Verhältnis zum Geld ja nach landesteiltypischer Prägung anfühlen. Aber spätestens bei der in diesen Kreisen üblichen Heiner-Müller-Verehrung und den jederzeit konsensfähigen "Ton Steine Scherben" ist dann auch hier die innere Einheit Deutschlands vollendet. Sechs Darstellerinnen mittleren Alters dabei zuzusehen, wie sie zu Rio Reisers "Wir müssen hier raus, wie leben im Zuchthaus..." headbangenderweise auf ihren Bürostühlen begeistert über die Bühne rollen, hat durchaus seinen eigenen Reiz.
Diese deutsch-deutschen Gipfelgespräche könnten arg didaktisch werden. aber weil wir im HAU sind, werden keine Phrasen, sondern offene Suchbewegungen ausgetauscht, mit all den Peinlichkeiten, die etwa die Lektüre alter Tagebücher so zu bieten hat. Spätestens wenn westdeutsche Upperclass-Degenerationen auf ostdeutsche Fragezeichen treffen ("jetzt mal ehrlich, sind deine Eltern Kapitalisten?") und die Klischees fröhlich zugespitzt werden, entwickelt das eine eigene Komik. Erfreulicherweise neigen die Performerinnen in ihren Fremd- und Selbstbeschreibungen zu Diagnosen von offenherziger Diskriminierungsfreude. ...
Mit "Schubladen" setzen She She Pop  ihre autobiografischen Recherche-Projekte fort, mit denen sie spätestens seit ihrem Erfolgsstück "Testament", bei dem die Performerinnen ihre Väter auf die Bühne gebenten haben, ein eigenes Genre definiert haben. Der Reiz liegt auch bei "Schubladen" in der Kombination von lustigen oder berührenden Irrritationsmomenten und der unprätentitösen theatralischen Umsetzung wzsichen Frontalunterricht, Selbstgespräch, Endlosrecherche, Party und nicht ganz ernst genommener Gespärächstherapie. Das offensive Fasziniertsein von sich selbst hat etwas von Narzissmus, wie er fürs Berliner Kreativmilieu typisch ist.
Aber She She Pop sind schlau genug, der Eitelkeitsfalle zu entgehen, indem sie diese Selbstbespiegelungsmanöver mit lässiger Selbstironie ausstellen. Der Hang dazu, Leben in Anekdoten aufzulösen, und der begrenzte Erkenntnisgewinn des Abends werden durch die gute Laune, die er macht, mehr als ausgegleichen.
Peter Laudenbach, Süddeutsche Zeitung, 12.03.2012