Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear
"Besser wär’s, du lebtest nicht, als mir zur Kränkung zu leben!" (König Lear zu seiner Tochter)
"Daddy's working boots have filled their obligation." (Dolly Parton über die Schuhe ihres Vaters)
She She Pop nimmt sich den Kanon vor: In der ersten Szene von Shakespeares “König Lear” versucht der alte Mann mit großer Geste, sein Reich an seine drei Töchter zu vermachen und damit eine Absprache für seine Altersvorsorge zu treffen – ein Plan, der auf gewaltsame Weise scheitert.
Das verwundert nicht. Denn von allen Tauschgeschäften, in die wir jemals verwickelt werden, ist dasjenige zwischen den Generationen das komplizierteste und undurchsichtigste. Wert und Gegenwert (also Geld und Liebe) sind prinzipiell verschleiert, und niemand hat den Tauschbedingungen je offiziell zugestimmt. Das gilt für fast alle Verabredungen zwischen den Generationen: Sie sind faul. Sie haben nie stattgefunden. Es gibt sie nicht. Der Stall, den es hier auszumisten gilt, ist randvoll mit Daten und Details, Schmuckstücken, Stammbäumen, Erbfolgen, Erbkrankheiten, Liebesschwüren, Pflegeplänen, Benzinquittungen und Schuldgefühlen – sämtlich Teile der Verhandlungsmasse in dieser öffentlichen Gegenüberstellung von Töchtern und ihren Vätern.
Für TESTAMENT bitten She She Pop ihre eigenen Väter mit auf die Bühne. Das Theater wird zum Verhandlungsraum für einen utopischen Prozess: den Ausgleich zwischen den Generationen.
UA: 25. Februar 2010
HAU 2 Berlin
www.hebbel-am-ufer.de
14. & 15. September 2010
Grenzenlos Kultur, Mainz
www.grenzenlos-kultur.de
06. Oktober 2010
INKONST Malmö, SWE (mit engl. Untertiteln)
www.inkonst.com
09. Oktober 2010
Pustervik Göteborg, SWE (mit engl. Untertiteln)
www.pustervik.goteborg.se
18.-20. November 2010
brut Wien, A
www.brut-wien.at
03.-05. Dezember 2010
HAU 2 Berlin
Credits
Konzept: She She Pop. Mit Sebastian und Joachim Bark, Fanni und Peter Halmburger, Mieke und Manfred Matzke, Lisa Lucassen, Ilia und Theo Papatheodorou.
Bühne: SSP und Sandra Fox, Kostüme: Lea Søvsø, Musik: Christopher Uhe. Dokumentation: Bianca Schemel. Lichtdesign: Sven Nichterlein. Ton: Florian Fischer. Assistenz: Kaja Jakstat. Hospitanz: Laura Lo Zito. Grafik: Tobias Trost. Produktion/PR: ehrliche arbeit. Administration: Elke Weber
Eine Koproduktion von She She Pop mit dem Hebbel am Ufer Berlin, Kampnagel Hamburg und dem FFT Düsseldorf. Gefördert durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten, die Behörde für Kultur, Sport und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg und die Konzeptionsförderung des Fonds Darstellende Künste e.V. – aus Mitteln des Bundes.
Pressestimmen
She She Pops pfiffiges Berliner "Testament" - Echter Schwindel
Was hat man nicht schon für Quatsch gesehen zum Thema Generation, gerade im Theater... Nun zeigt die Gruppe She She Pop, wie man auch herz- und schmerzhaft zupacken kann. Man kann zum Beispiel nachfragen, nachlesen, neugierig sein. Man kann sich selbst mit einbringen und sogleich wieder zur Diskussion stellen. Radikaler als mit der eigenen Familie geht das nicht: Die Frauen und der eine Mann von She She Pop haben ihre Väter zur Probe gebeten, mit ihnen Shakespeares "König Lear" gelesen und dann einen Abend entwickelt. Er heißt "Testament - Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear". Man spricht über die Liebe und das Unverständnis und die Abhängigkeit, man stellt die wichtigen Fragen sehr direkt, um sie dann wach in offene Kunst zu überführen. Nur so kann man diese Fragen ernsthaft stellen: im Spiel. Der Rest ist Besserwisserei, führt zu Totschlag oder auch nur zu schlechtem Theater.
...Als man die erste "Lear"-Szene gelesen hat, schleicht sich das schöne Delirium auf die Bühne, mit dem She She Pop so virtuos arbeiten können. ...Der She-She-Pop-Schwindel handelt weniger von der Lüge als vom Schwanken. Vom Schwanken zwischen Prozess und Produkt, Diskussion und Text, Nähe und Distanz. ... Im Reden über den Stoff streift der Abend immer wieder überraschend genau die Motive des alten Stückes. "Testament" variiert dieses Unverständnis auf hundert Arten.
Auch die Alten ziehen vom Leder und fordern Respekt. Theo sagt: Im Griechischen heiße Respekt sowas wie Nachsicht. Das ist ein passendes Wort für diesen Abend, weil er, wie Lear ja auch, viel mit dem Sehen zu tun hat. Mit einer unsentimentalen Sicht auf Differenzen, Ängste, Schmerzen, und der geradezu Schillerschen Einsicht, dass ein vorläufiger Frieden nur im Schein zu haben ist. Dazu gibt es Rollentausch, Country Songs, und Kitschchoreografien. Es ist ein Schein, der die Wirklichkeit mitunter überwindet.
Tobi Müller, Frankfurter Rundschau, 27. Februar 2010
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/2360123_She-She-Pops-pfiffiges-Berliner-Testament-Echter-Schwindel.html
She She Pop zeigt in "Testament" Generationskonflikte - Auge in Auge mit den Vätern
Hamburg. Ein Abend mit Papa? Keine gute Idee. Frank und Nancy Sinatra geben mit "Something Stupid" eine ironische Vorlage - und dennoch gelingt She She Pop mit "Testament" ein großer Wurf. Drei Performerinnen konnten ihre Väter gewinnen, einen Abend mit ihnen im Bühnen-Wohnzimmer zu verbringen. Ehrlich und mutig, lustig und traurig, den Zuschauer an- und auch nahegehend ist die Performance über Probleme von Alter, Pflege und Erbschaft. Sie thematisiert den Konflikt um Generationenvertrag, Verlust familiärer Bindung und Verantwortung - auch die Macht der Väter über ihre Kinder....
She She Pop verzichtet diesmal auf das interaktive Spiel mit dem Publikum und nimmt sich erstmals ein klassisches Stück vor. Im Zugriff darauf bleiben sie sich jedoch absolut treu, reflektieren und debattieren über eigene Biografien im Spiegel des Dramas. Sie finden die richtige szenische Form, kommentieren mit Musik und Live-Video. ... Die Performer scheuen sich auch nicht, die heiter, polemisch und theatralisch beginnende Szenencollage bis an emotionale Schmerzpunkte zu treiben. Bei aller Ernsthaftigkeit wahren sie stets Leichtigkeit und Witz...
Sie wagen couragiert, freimütig und intelligent eine Begegnung miteinander, um die sie nicht wenige Zuschauer schwer beneiden dürften. Entsprechend herzlich ist der Beifall für das sehens- und diskussionswerte Highlight im Kampnagel-Programm ausgefallen.
Klaus Witzeling, Hamburger Abendblatt, 9. März 2010
http://www.abendblatt.de/kultur-live/article1412276/Auge-in-Auge-mit-den-Vaetern.html
Die Krone abgeben - KING LEAR She She Pop üben mit ihren Vätern im HAU 2 den Generationswechsel
Schon einmal probegelegen im Sarg? Das Erbe ausgerechnet? Eine Liste der Dinge erstellt, welche die pflegebedürftigen Eltern beim Einzug mitbringen dürfen?
Die Performancegruppe She She Pop gestaltet ihre Abende gerne wie ein Trainingsprogramm für real anstehende Fragen. Diesmal nähern sie sich im HAU 2 einer biografisch unausweichbaren Phase: Was geschieht, wenn die Eltern älter werden, Unterstützung brauchen? Als dramaturgischen Leitfaden nehmen sie das Drama "King Lear" von Shakespeare zur Hand und als Gewährsmänner für die unterschiedlichen Blickwinkel zweier Generationen bringen sie drei ihrer Väter mit auf die Bühne. ...
"Testament. Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear" ist ein behutsamer und für She She Pop auch leiser Abend, sicher auch den Vätern zuliebe, denen das Performen der berühmten Töchter (und eines Sohns) oft als peinliche Entblößung aufstieß. Dass dennoch Themen über Themen geschichtet werden, liegt am analytischen Zugriff auf den Stoff: Es geht um Macht und die Kompensation ihres Verlustes; um die 68er-Generation und das tendenziell schlechte Gewissen ihrer Kinder, deren Ansprüchen nie gerecht werden zu können; um den Umgang mit Text und die Repräsentation in Bildern.
Kleine Kameras sind auf die Gesichter der Väter, die am Rand der Bühne in großen Sesseln sitzen, gerichtet und projizieren ihre Gesichter in drei große Bilderrahmen: schon ist der Duktus königlicher Repräsentation hergestellt. Genau hier setzen später die Kinder Pappkronen auf und ziehen sich die Hemden der entkleideten Väter an: So illustrieren sie einerseits das Leiden von Lear, dem seine Töchter bald keinen seiner Ritter mehr ließen, und kokettieren andererseits mit ihrer Macht über die Performance. Am Ende fassen die drei Rahmen ein fast barockes Vanitas-Motiv aus Tulpen und Äpfeln, unter dem sich Kinder und Väter übereinander legen, schichtweise, fast wie im Familiengrab. ...
Das Publikum ist äußerst erheitert. Weil vorgeführt wird, was zu denken sich verbietet und doch gerne gedacht wird. Die Diskussionen, die während der Proben zwischen Vätern und Kindern geführt wurden, sind ein wichtiges Element der Aufführung. Mit geschlossenen Augen, Kopfhörer auf den Ohren, wiederholen sie vor Monaten gesprochene Sätze und Zwiste. Das ist nicht nur ein Einblick in den Prozess, aus dem Privaten und Persönlichen eine stellvertretende Rolle zu formen. Es ist auch ein sanftes Stilmittel, um Widersprüche zuzulassen. ...
Einen so versöhnlichen "Lear" sieht man selten.
Katrin Bettina Müller, taz (die tageszeitung), 27. Februar 2010
http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2010/02/27/a0219&cHash=42d7fe21f0














