What's wrong? (it's okay)
Die PerformerInnen von She She Pop finden sich am Ende eines gemeinsamen Abendmahls wieder. Sie sind entschlossen, ihrem Publikum zu beweisen, dass sie über ALLES reden können. Wem es zuviel wird in der kleinen klaustrophobischen Gemeinschaft, weil sich unter dem Deckmantel von unschuldigen Fragen und harmlosen Gesprächsthemen ein Finger in die Wunde bohrt, verschwindet unter den Tisch. Identität setzt sich aus Demütigungen zusammen: Du bist, wofür du dich schämst! Eine Konsolidierungsrevue am Tisch mit Brot, Spielen, Tabus und Tänzen.
Termine
Uraufführung: 18. April 2003, Westwerk Hamburg
Mai 2003, Deutsches Theater Göttingen
September 2003, Podewil Berlin
Dezember 2004, Go Create Resistance Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Oktober 2004, Schwankhalle Bremen
November 2004, Theaterhaus Jena
November 2004, Kaaitheater Brüssel (B) in englischer Sprache
Mai 2005, Open Ohr Festival Mainz Juni
2005, LOT-Theater Braunschweig
Dezember 2005, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt/Main
Credits
Konzept: She She Pop. Von und mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Kathrina Oberlik, Ilia Papathodorou und Berit Stumpf.
Lichtdesign: Marek Lamprecht. Produktionsleitung: Anne Kersting
WHAT'S WRONG wurde gefördert von der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg und dem Fonds Darstellende Künste e.V.
Pressestimmen
Dank der austrainierten intellektuellen Selbstreinigungskräfte Ironie und ansteckende Albernheit bleibt selbst so eine Beschämungsrevue immer auf der Ebene des professionellen Trash-Humors, den man von dieser Generation der Gießener Schule (...) auch in anderen Spielarten kennt.
Till Briegleb, Süddeutsche Zeitung, 24. April 2003
Z wie Zugabe!
Denis Krah, Hamburger Morgenpost, 22. April 2003
Seit zehn Jahren schon üben sie den Zwang zur Intimität. Verlieren dabei nie den Terror aus den Augen, der auf dem Ticket der Aufklärung quer durch die Wohnzimmer rast. Ehrlich sein, authentisch sein, so tarnen sich die Attacken.
Katrin Bettina Müller, taz Berlin, 5. September 2003
Bis zur Scherzgrenze
Zehn Jahre She She Pop: Eine Spielperformance in Hamburg
Manchmal, wenn bei einem festlichen Essen unter guten Freunden der Gesprächsstoff auszugehen droht, schlägt jemand vor, ein Spiel zu machen. Dann schreiben zwei, drei Hurra, und die übrigen fügen sich mit gequälten Lächeln in ihr Schicksal. Einfache Regeln mit grotesken Spielmöglichkeiten sind jetzt gefragt, und sobald die gefunden und erklärt sind, befindet man sich mittendrin in einer Performance der Theater-Girl-Group She She Pop. Die liebt Gesellschaftsspiele und Mitmachtheater, und zum zehnjährigen Geburtstag der Frauengang, die 1993 im einschlägigen Gießener Institut für angewandte Theaterwissenschaft gegründet wurde, feiert sie seit Karfreitag eine Serie von Party-Performances mit dem Titel "What's Wrong?" im Hamburger Westwerk.
Im Kern geht es bei solchen Party- und Gesellschaftsspielen - wie in den letzten Arbeiten der Gruppe überhaupt - immer um Scham und Beschämung. Wie provoziere ich andere, wie mache ich sie verlegen und bringe ihnen Niederlagen bei, ohne dass die Freundschaft daran zerbricht. Der voyeuristische Spaß an solchen Psycho-Spielen, die im Falle der Entgleisung mit der Entwürdigung des schwächsten Mitglieds enden, besteht in der Schadenfreude über fallende Masken und verlorenes Selbstbewusstsein.
Berit (Stumpf), Ilia (Papatheodorou), Johanna (Freiburg), Mieke (Matzke) und, als männlicher Widerstand, Sebastian (Bark) spielen dazu das Spiel "A bis Z". Das Publikum - dezent ferngesteuert durch eingestreute Mitglieder des Gießener Netzwerkes - soll in der Tradition der Sportart Improvisationstheater Stichworte liefern, zu denen am Tisch zu Wackelpudding und Wein dann spontan sehr persönliche Verhöre beginnen. Wer lügt oder nicht weiter weiß, muss auf der Stelle unter dem Tisch verschwinden, bis er mit einem neuen ehrlichen und toughen Statement wieder zur Runde stößt.
Seien es die Begriffe Wal-Mart oder Rhododendron, Xanthippe oder Chemiefaser, der Weg unter die Psychologische Gürtellinie zu den tönernen Füßen Selbstbewusstseins ist stets extrem kurz. Alte Freunde kennen eben ihre empfinlichsten Stellen. Und da jeder, der unter dem Tisch war, danach ein Klebeband mit einer beschämenden Disposition offen tragen muss, treten bald Lehrbeispiele sympathischer Mangelware gegeneinander an: etwa "blond und altbacken" gegen "teuer und gefallsüchtig".
Doch keine Angst: She She Pop ist eine nette Gruppe. Egal ob sie ihren Spieltrieb in den letzten Jahren über Kapitalismus, Sport, Rassismus oder spezielle sexuelle Vorlieben ausbreiteten: Weh tun soll es dann doch nicht. Dank der austrainierten intellektuellen Selbstreinigungskräfte Ironie und ansteckende Albernheit bleibt selbst so eine Beschämungsrevue immer auf der Ebene des professionellen Trash-Humors, den man von dieser Generation der Gießener Schule - etwas René Pollesch oder Showcase Beat Le Mot - auch in anderen Spielarten kennt: Bunt, kalauernd, selbstbezüglich, musikalisch und darin geprägt von Soaps, Madonna und Retro-Moden.
Ganz sicher ist der Unterhaltungswert dieser Comedy für Kulturmenschen stark abhängig vom eigenen Sinn für Humor. Die Steigerung in hysterische Lachkrämpfe ließ sich hier genauso beobachten wie der Abfall in müdes Schmunzeln. Doch der gelassene Umgang mit menschlichen Konflikten, der dieser satirischen Lebenshilfe von She She Pop zugrunde liegt, ist allemal eine Alternative zum psychologischen Tamtam des bürgerlichen Großdramas - nur bitte nicht zur Nachahmung auf der nächsten langweiligen Geburtstagsparty.
Till Briegleb, Süddeutsche Zeitung, 24. April 2003
Ihr solltet euch was schämen!
Billig, peinlich, komisch: Die Hamburger Gruppe She She Pop wird 10
A - wie Achtung! She She Pop lassen die Hosen runter. "What's Wrong" fragen die Hamburger Performancekünstler im Westwerk und behaupten, über einfach jedes Thema reden zu können. Der ultimative Offenbarungseid. Ein Buchstabe wird zufällig ermittelt, das Publikum gibt den Begriff vor. Ob P wie Penisverlängerung, S wie Suppe oder W wie Walmart - Johanna Freiburg, Mieke Matzke, Berit Stumpf, Ilia Papatheodou und "She-Male" Sebastian Bark diskutieren alles aus. Bei Erdnüssen, Rotwein und Videoprojektionen legen sie sich gegenseitig die Finger in die Wunden. Wer sich verweigert, muss unter den Tisch, eine Strafarbeit anfertigen. Nur nach einer öffentlichen Beichte dürfen sie wieder am Spiel teilnehmen. Die She She's sind billig, waren Klassensprecher, können nicht kochen, sorgen fürs Alter vor und haben Probleme mit dem Haarwuchs. Die Identitäten der Akteure ergeben sich aus der Summe der Peinlichkeiten. "Du bist, wofür du dich schämst", lautet die einmalig komische Erkenntnis. Zwischendrin wird spontan getanzt, zum Familienbild mit Hund Aufstellung genommen oder auf dem Mond gelandet. Die Show wird zum Kindergeburtstag auf Ecstasy mit Hardcore-Partyspielchen wie "Ficken nach Jerusalem". Eine passendere Feier für das zehnjährige Bühnenjubiläum gibt es nicht. Z wie Zugabe.
Denis Krah in der Hamburger Morgenpost vom 27. April 2003
Leicht verspätet aus der Reihe getanzt
She She Pop mit einem neuen Programm in der Hamburger Kampnagelfabrik
Under Pressure. Die rote Paillettenschrift auf Berit Stumpfs schlangenhaft enger Glitzerrobe trifft genau die Gefühle im Tanzsaal. Egal, ob auf sicherer Distanz zum Parkett oder ganz nah dran auf den Stühlen: Jeder Besucher fühlt sich irgendwie unter Druck gesetzt. Er weiß sich taxiert vom Gegenüber und zu eigenen Entscheidungen aufgefordert. Anstatt sich wie gewöhnlich als zahlender Konsument im sicheren Dunkel mit Unterhaltung bedienen zu lassen, steht er selber im Licht und ist verantwortlich für sein Vergnügen. Das ist Programm bei She She Pop, der renitenten, nicht mehr ganz so jungen, dafür umso erfolgreicheren Girl Group des Poptheaters.
Ihre neue interaktive Show Warum tanzt ihr nicht? in der Hamburger Kampnagelfabrik könnte für die eine oder den anderen vielleicht doch die alles entscheidende Ballnacht werden. Oder eben nur wieder eine Enttäuschung. Garantiert sind aber zwei Stunden Theateramüsement, (...)
Die sieben Damen und der eine Herr mit vorhanglangem Gigolo-Wimpernschlag geben sich alle Mühe, ihre Gäste behutsam doch beharrlich in Schwung zu bringen. Sie fungieren als Animateure und DJs, ergreifen die Initiative und spielen unter den bunt aufleuchtenden Japanbällen im Ballsaal den Ball wieder zurück ans Publikum.
Das ist nicht leicht abzuholen: Denn Paartanzen ist nicht unbedingt Sache der Club-Jugend. Sie produziert sich lieber solo auf dem Dancefloor. Doch She She Pop gibt nicht klein bei, besteht auf Kommunikation und verwehrt die Flucht ins autistische Techno-Gehampel. Stattdessen Schmuse-Musik oder heißer Mambo zur mehr oder weniger engen Kontaktaufnahme zwischen Fremden. Die Spieler versuchen zu zündeln, zu kuppeln und scheuen sich auch nicht davor, schamlos auszusprechen oder offen zu legen, was in manchem Zuschauer heimlich vorgehen mag. Drastik, Radikalität und ironische Rede sind eigentlich die Stärke von She She Pop. In dieser Show sind sie mehr auf mitreißend expressive und verführerische Körpersprache angewiesen. (...)
Klaus Witzeling, Kieler Nachrichten, 20. Januar 2004
Die Summe aller Tanzveranstaltungen
Kampnagel/Hebbel am Ufer: "Warum tanzt ihr nicht?" von und mit She She Pop
(...) Die Performerinnen präsentieren für alle Facetten des Tanzballs ebenso präzise wie amüsante Texteinlagen, sie singen Liebeslieder-Karaoke, entledigen sich ihrer Kleider, suchen sich immer wieder Mittänzer im Publikum - und agieren ihren grandiosen Sinn fürs Absurd-Komische aus. Da gibt es zum Beispiel eine Rückzugsraum für diejenigen, denen es notfalls einfach zuviel wird. Auf dessen Tür steht in großen Buchstaben "privat". Das Geschehen, so wird erklärt, könne man übrigens auf der Videoleinwand im Foyer mitverfolgen. (...) Während des ganzen Abends schon verschwinden die Performerinnen nach und nach in das Privat-Räumchen. Die heimlichen Fantasien und die intimen Katastrophen ihrer Figuren werden hier virtuos auf die Spitze getrieben und mit noch offensiverem Humor ausgespielt. (...)
"Warum tanzt ihr nicht?" ist eine wunderbare Arbeit, die unter anderem so gut funktioniert, weil sie immer an der Grenze zwischen Performance-Ebene und sozialem Ereignis oszilliert, aber niemals zur gemeinsamen Gesellschaftstanzaktion kippt. She She Pop entwirft kein Mitmachtheater, sondern ein charmantes, hochkomisches und intelligentes Arrangement von in unserem Imaginären latenten Ereignispartituren. Geradezu verblüffend ist, wie die versteckte Psychosoziologie von Tanzstunden, Abschlussbällen und anderen Tanzveranstaltungen ausbuchstabiert wird. Die Performerinnen schaffen es, all jene Peinlichkeiten und Sehnsüchte zu evozieren, die solche Events in unserer Jugend mit sich brachten. (...)
Daniel Schreiber, TdZ, März 2004








