Alles über She She Pop

She She Pop ist ein Performance-Kollektiv, das Ende der 90er Jahre von Absolventinnen des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft gegründet wurde. Mitglieder sind Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou und Berit Stumpf.

Die Bühne ist für She She Pop ein Ort, an dem Entscheidungen getroffen werden, an dem Gesprächsweisen und Gesellschaftssysteme ausprobiert, große Gesten und soziale Rituale einstudiert oder verworfen werden. She She Pop sehen ihre Aufgabe in der Suche nach den gesellschaftlichen Grenzen der Kommunikation - und in deren gezielter und kunstvoller Überschreitung im Schutzraum des Theaters.

She She Pop haben ein spezielles ästhetisches und ideologisches Profil. Wir erarbeiten unsere Shows im Kollektiv. Es gibt keine Regisseurin – aber auch keinen Autor und keine Schauspieler. Texte und Konzepte werden gemeinsam entwickelt. Zugleich stellt unser Verständnis von Performance die künstlerische Verantwortung der einzelnen Performerin ins Zentrum. Insofern ist Autorschaft bei uns weniger eine individuelle Leistung, eher die Antwort auf eine Frage: Wer kann diesen Text, diese Handlung jetzt auf der Bühne verantworten. Vor diesem Hintergrund, so hoffen wir, werden individuelle Entscheidungen sowie Glanz und Scheitern auf der Bühne nachvollziehbar und thematisch. Jenseits der einzelnen Show – aber ebenso in den besten Szenen jeder Aufführung – begreifen wir die künstlerische Arbeit im Kollektiv als unsere fatale und großartige Herausforderung.

Wir sind keine Darstellerinnen. Vielmehr stellen wir uns selbst und gegenseitig Aufgaben und lösen sie auf offener Bühne. Aus dem eigenen Erfahrungshorizont entwickeln sich unterschiedliche Perspektiven auf eine Frage. Das wird mitunter als autobiografisches Theater gedeutet. Tatsächlich ist der Bezug zum eigenen Leben eine Methode, nicht das Thema. Durch Verdichtung entsteht aus dem persönlichen Material eine erkennbare künstlerische Strategie und eine ins Beispielhafte stilisierte Position. Das Eigene ist dabei das Fremde, Monströse. Das gilt neuerdings auch umgekehrt: In einigen unserer neueren Shows bearbeiten wir bekannte monströse Texte aus dem literarischen Kanon mit eben dieser autobiografischen Methode.

She She Pop ist ein Frauen-Kollektiv. Daran ändern männliche Mitglieder und Kollaborateure nur wenig. Vielleicht sind deshalb die Fragen nach Blick-Konstellationen und Machtstrukturen, von Handlungsfähigkeit und Ohnmacht untrennbar mit unserer Arbeit verbunden. Sich ausgerechnet als Gruppe von (vornehmlich) Frauen dem Publikum zu präsentieren, ist immer wieder Gegenstand unserer Beobachtung und Reflexion auf und hinter der Bühne.

Unsere Theaterform ist experimentell. Das heißt: sie operiert an den Grundlagen der theatralen Kommunikation. Die Verabredungen zwischen PerformerInnen und Publikum werden in jeder Show neu getroffen – gerade darin sehen wir unsere Kunst. Dafür rekonstruieren She She Pop auf der Bühne oft bekannte, alltägliche Szenarien, in denen Unterhaltung und Aufklärung oft erschreckend nah beieinander liegen. Unser Publikum begegnet uns z. B. im hellerleuchteten Stuhlkreis einer Encounter-Group, im Ballsaal, am Lagerfeuer, bei einem Blind Date im Kerzenlicht, am Catwalk oder in einer improvisierten Sportarena. Der Wechsel aus Teilnahme und Rückzug, Kontrolle und Eskalation, Verweigerung und Hingabe prägt oft die Dramaturgie eines Abends mit She She Pop. In den letzten Arbeiten von She She Pop spielt die individualisierende Interaktion mit den ZuschauerInnen allerdings keine Rolle mehr. Das schützt das Publikum aber nicht vor einer konkreten Zuschreibung und einer besonderen Funktion: Sämtliche Arbeiten von She She Pop sind auf ihre Weise Experimente oder Beweisführungen, die ohne Zeugenschaft ungültig würden.


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